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DigBib.Org: Die digitale Bibliothek
Friedrich Schiller
Die Räuber
Quelle:
Erstellt am 21.06.2004
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Vorrede.
Man nehme dieses Schauspiel für nichts Anderes, als eine dramatische Geschichte, die die
Vortheile der dramatischen Methode, die Seele gleichsam bei ihren geheimsten Operationen zu
ertappen, benutzt, ohne sich übrigens in die Schranken eines Theaterstücks einzuzäunen, oder nach
dem so zweifelhaften Gewinn bei theatralischer Verkörperung zu geizen. Man wird mir einräumen,
daß es eine widersinnige Zumuthung ist, binnen drei Stunden drei außerordentliche Menschen zu
erschöpfen, deren Thätigkeit von vielleicht tausend Räderchen abhängt, so wie es in der Natur der
Dinge unmöglich kann gegründet sein, daß sich drei außerordentliche Menschen auch dem
durchdringendsten Geisterkenner innerhalb vierundzwanzig Stunden entblößen. Hier war Fülle in
einander gedrungener Realitäten vorhanden, die ich unmöglich in die allzu engen Pallisaden des
Aristoteles und Batteux einkeilen konnte.
Nun ist es aber nicht sowohl die Masse meines Schauspiels, als vielmehr sein Inhalt, der es von
der Bühne verbannet. Die Oekonomie desselben machte es nothwendig, daß mancher Charakter
auftreten mußte, der das feinere Gefühl der Tugend beleidigt und die Zärtlichkeit unserer Sitten empört.
Jeder Menschenmaler ist in diese Nothwendigkeit eingesetzt, wenn er anders eine Copie der
wirklichen Welt, und keine idealischen Affectationen, keine Compendien-Menschen will geliefert
haben. Es ist einmal so die Mode in der Welt, daß die Guten durch die Bösen schattiert werden und
die Tugend im Contrast mit dem Laster das lebendigste Colorit erhält. Wer sich den Zweck
vorgezeichnet hat, das Laster zu stürzen und Religion, Moral und bürgerliche Gesetze an ihren
Feinden zu rächen, ein solcher muß das Laster in seiner nackten Abscheulichkeit enthüllen und in
seiner kolossalischen Größe vor das Auge der Menschheit stellen, - er selbst muß augenblicklich
seine nächtlichen Labyrinthe durchwandern, - er muß sich in Empfindungen hineinzuzwingen wissen,
unter deren Widernatürlichkeit sich seine Seele sträubt.
Das Laster wird hier mit sammt seinem ganzen innern Räderwerk entfaltet. Es löst in Franzen alle
die verworrenen Schauer des Gewissens in ohnmächtige Abstractionen auf, skeletisiert die
richtende Empfindung und scherzt die ernsthafte Stimme der Religion hinweg. Wer es einmal so
weit gebracht hat (ein Ruhm, den wir ihm nicht beneiden), seinen Verstand auf Unkosten seines
Herzens zu verfeinern, dem ist das Heiligste nicht heilig mehr - dem ist die Menschen, die Gottheit
nichts - beide Welten sind nichts in seinen Augen. Ich habe versucht, von einem Mißmenschen
dieser Art ein treffendes, lebendiges Conterfei hinzuwerfen, die vollständige Mechanik seines
Lastersystems auseinander zu gliedern - und ihre Kraft an der Wahrheit zu prüfen. Man unterrichte
sich demnach im Verfolg dieser Geschichte, wie weit ihr's gelungen hat. - Ich denke, ich habe die
Natur getroffen.
Nächst an diesem steht ein Anderer, der vielleicht nicht wenige meiner Leser in Verlegenheit
setzen möchte. Ein Geist, den das äußerste Laster nur reizet um der Größe willen, die ihm anhänget; um
der Kraft willen, die es erheischet; um der Gefahren willen, die es begleiten. Ein merkwürdiger,
wichtiger Mensch, ausgestattet mit aller Kraft, nach der Richtung, die diese bekömmt, nothwendig
entweder ein Brutus oder ein Catilina zu werden. Unglückliche Conjuncturen entscheiden für das
Zweite, und erst am Ende einer ungeheuren Verirrung gelangt er zu dem Ersten. Falsche
Begriffen von Thätigkeit und Einfluß, Fülle von Kraft, die alle Gesetze übersprudelt, mußten sich
natürlicher Weise an bürgerlichen Verhältnissen zerschlagen, und zu diesen enthusiastischen Träumen
von Größe und Wirksamkeit durfte sich nur eine Bitterkeit gegen die unidealische Welt gesellen, so
ward der seltsame Don Quixote fertig, den wir im Räuber Moor verabscheuen und lieben,
bewundern und bedauern. Ich werde es hoffentlich nicht erst anmerken dürfen, daß ich dieses
Gemälde so wenig nur allein Räubern vorbehalte, als die Satire des Spaniers nur allein Ritter geißelt.
Auch jetzt ist der große Geschmack, seinen Witz auf Kosten der Religion spielen zu lassen, daß
man beinahe für kein Genie mehr passiert, wenn man nicht seinen gottlosen Satyr auf ihren
heiligsten Wahrheiten sich herumtummeln läßt. Die edle Einfalt der Schrift muß sich in alltäglichen
Assembleen von den sogenannten witzigen Köpfen mißhandeln und ins Lächerliche verzerren lassen;
denn was ist so heilig und ernsthaft, daß, wenn man es falsch verdreht, nicht belacht werden kann?
- Ich kann hoffen, daß ich der Religion und der wahren Moral keine gemeine Rache verschafft habe,
wenn ich diese muthwilligen Schriftverächter in der Person meiner schändlichsten Räuber dem
Abscheu der Welt überliefere.
Aber noch mehr. Diese unmoralischen Charaktere, von denen vorhin gesprochen wurde, mußten
von gewissen Seiten glänzen, ja oft von Seiten des Geistes gewinnen, was sie von Seiten des
Herzens verlieren. Hierin habe ich nur die Natur gleichsam wörtlich abgeschrieben. Jedem, auch
dem Lasterhaftesten, ist gewissermaßen der Stempel des göttlichen Ebenbildes aufgedrückt, und
vielleicht hat der große Bösewicht keinen so weiten Weg zum großen Rechtschaffenen, als der kleine;
denn die Moralität hält gleichen Gang mit den Kräften, und je weiter die Fähigkeit, desto weiter und
ungeheuerer ihre Verirrung, desto imputabler ihre Verfälschung.
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Klopstocks Adramelech weckt in uns eine Empfindung, worin Bewunderung in Abscheu schmilzt.
Miltons Satan folgen wir mit schauderndem Erstaunen durch das unwegsame Chaos. Die Medea
der alten Dramatiker bleibt bei allen ihren Gräueln noch ein so großes, staunenswürdiges Weib, und
Shakespeares Richard hat so gewiß am Leser einen Bewunderer, als er auch ihn hassen würde,
wenn er ihm vor der Sonne stünde. Wenn es mir darum zu thun ist, ganze Menschen hinzustellen,
so muß ich auch ihre Vollkommenheiten mitnehmen, die auch dem Bösesten nie ganz fehlen. Wenn
ich vor dem Tiger gewarnt haben will, so darf ich seine schöne blendende Fleckenhaut nicht
übergehen, damit man nicht den Tiger beim Tiger vermisse. Auch ist ein Mensch, der ganz Bosheit
ist, schlechterdings kein Gegenstand der Kunst und äußert eine zurückstoßende Kraft, statt daß er die
Aufmerksamkeit der Leser fesseln sollte. Man würde umblättern, wenn er redet. Eine edle Seele
erträgt so wenig anhaltende moralische Dissonanzen, als das Ohr das Gekritzel eines Messers auf
Glas.
Aber eben darum will ich selbst mißrathen haben, dieses mein Schauspiel auf der Bühne zu
wagen. Es gehört beiderseits, beim Dichter und seinem Leser, schon ein gewisser Gehalt von
Geisteskraft dazu: bei jenem, daß er das Laster nicht ziere, bei diesem, daß er sich nicht von einer
schönen Seite bestechen lasse, auch den häßlichen Grund zu schätzen. Meinerseits entscheide ein
Dritter - aber von meinen Lesern bin ich es nicht ganz versichert. Der Pöbel, worunter ich
keineswegs die Gassenkehrer allein will verstanden wissen, der Pöbel wurzelt (unter uns gesagt)
weit um und gibt zum Unglück - den Ton an. Zu kurzsichtig, mein Ganzes auszureichen, zu
kleingeistisch, mein Großes zu begreifen, zu boshaft, mein Gutes wissen zu wollen, wird er, fürcht'
ich, fast meine Absicht vereiteln, wird vielleicht eine Apologie des Lasters, das ich stürze, darin zu
finden meinen und seine eigene Einfalt den armen Dichter entgelten lassen, dem man
gemeiniglich Alles, nur nicht Gerechtigkeit widerfahren läßt.
Es ist das ewige Da capo mit Abdera und Demokrit, und unsere guten Hippokrate müßten ganze
Plantagen Nieswurz erschöpfen, wenn sie dem Unwesen durch ein heilsames Decoct abhelfen
wollten. Noch so viele Freunde der Wahrheit mögen zusammenstehen, ihren Mitbürgern auf Kanzel
und Schaubühne Schule zu halten, der Pöbel hört nie auf, Pöbel zu sein, und wenn Sonne und Mond
sich wandeln, und Himmel und Erde veralten wie ein Kleid. Vielleicht hätt' ich, den
Schwachherzigen zu frommen, der Natur minder getreu sein sollen; aber wenn jener Käfer, den wir
alle kennen, auch den Mist aus den Perlen stört, wenn man Exempel hat, daß Feuer verbrannt und
Wasser ersäuft habe, soll darum Perle - Feuer - und Wasser confisciert werden?
Ich darf meiner Schrift, zufolge ihrer merkwürdigen Katastrophe, mit Recht einen Platz unter den
moralischen Büchern versprechen; das Laster nimmt den Ausgang, der seiner würdig ist. Der
Verirrte tritt wieder in das Geleise der Gesetze. Die Tugend geht siegend davon. Wer nur so billig
gegen mich handelt, mich ganz zu lesen, mich verstehen zu wollen, von dem kann ich erwarten,
daß er - nicht den Dichter bewundere, aber den rechtschaffenen Mann in mir hochschätze.
Geschrieben in der Ostermesse 1781. Der Herausgeber.
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Erster Akt.
Erste Scene.
Franken. Saal im Moorischen Schloß. Franz. Der alte Moor.
Franz. Aber ist Euch auch wohl, Vater? Ihr seht so blaß.
D. a. Moor. Ganz wohl, mein Sohn, - was hattest du mir zu sagen?
Franz. Die Post ist angekommen - ein Brief von unserm Correspondenten in Leipzig -
D. a. Moor (begierig). Nachrichten von meinem Sohne Karl?
Franz. Hm! Hm! - So ist es. Aber ich fürchte - ich weiß nicht - ob ich - Eurer Gesundheit? - Ist Euch
wirklich ganz wohl, mein Vater?
D. a. Moor. Wie dem Fisch im Wasser! Von meinem Sohne schreibt er? - Wie kommst du zu
dieser Besorgniß? Du hast mich zweimal gefragt.
Franz. Wenn Ihr krank seid - nur die leiseste Ahnung habt, es zu werden, so laßt mich - ich will zu
gelegenerer Zeit zu Euch reden. (Halb zu sich.) Diese Zeitung ist nicht für einen zerbrechlichen
Körper.
D. a. Moor. Gott! Gott! was werd' ich hören?
Franz. Laßt mich vorerst auf die Seite gehn und eine Thräne des Mitleids vergießen um meinen
verlornen Bruder - ich sollte schweigen auf ewig - denn er ist Euer Sohn; ich sollte seine Schande
verhüllen auf ewig - denn er ist mein Bruder. - Aber Euch gehorchen, ist meine erste, traurige Pflicht
- darum vergebt mir.
D. a. Moor. O Karl! Karl! wüßtest du, wie deine Aufführung das Vaterherz foltert! wie eine einzige
frohe Nachricht von dir meinem Leben zehn Jahre zusetzen würde - mich zum Jüngling machen
würde - da mich nun jede, ach! - einen Schritt näher ans Grab rückt!
Franz. Ist es Das, alter Mann, so lebt wohl - wir alle würden noch heute die Haare ausraufen über
Eurem Sarge.
D. a. Moor. Bleib! - Es ist noch um den kleinen kurzen Schritt zu thun - laß ihm seinen Willen!
(Indem er sich niedersetzt.) Die Sünden seiner Väter werden heimgesucht im dritten und vierten
Glied - laß ihn's vollenden.
Franz (nimmt den Brief aus der Tasche). Ihr kennt unsern Correspondenten! Seht! den Finger
meiner rechten Hand wollt' ich drum geben, dürft' ich sagen, er ist ein Lügner, ein schwarzer, giftiger
Lügner - - Faßt Euch! Ihr vergebt mir, wenn ich Euch den Brief nicht selbst lesen lasse - Noch dürft Ihr
nicht Alles hören.
D. a. Moor. Alles, Alles - mein Sohn, du ersparst mir die Krücke.
Franz (liest). »Leipzig, vom 1sten Mai. - Verbände mich nicht eine unverbrüchliche Zusage, dir
auch nicht das Geringste zu verhehlen, was ich von den Schicksalen deines Bruders auffangen
kann, liebster Freund, nimmermehr würde meine unschuldige Feder an dir zur Tyrannin geworden
sein. Ich kann aus hundert Briefen von dir abnehmen, wie Nachrichten dieser Art dein brüderliches
Herz durchbohren müssen; mir ist's, als säh' ich dich schon um den Nichtswürdigen, den
Abscheulichen« - - (Der alte Moor verbirgt sein Gesicht.) Seht, Vater! ich lese Euch nur das
Glimpflichste - »den Abscheulichen in tausend Thränen ergossen;« - Ach, sie flossen - stürzten
stromweis von dieser mitleidigen Wange - »mir ist's, als säh' ich schon deinen alten, frommen Vater
todtenbleich« - Jesus Maria! Ihr seid's, eh' ihr noch das Mindeste wisset?
D. a. Moor. Weiter! Weiter!
Franz. - »todtenbleich in seinen Stuhl zurücktaumeln und dem Tage fluchen, an dem ihm zum
erstenmal Vater entgegengestammelt ward. Man hat mir nicht Alles entdecken mögen, und von
dem Wenigen, das ich weiß, erfährst du nur Weniges. Dein Bruder scheint nun das Maß seiner
Schande erfüllt zu haben; ich wenigstens kenne nichts über dem, was er wirklich erreicht hat, wenn
nicht sein Genie das meinige hierin übersteigt. Gestern um Mitternacht hatte er den großen Entschluß,
nach vierzigtausend Ducaten Schulden« - ein hübsches Taschengeld, Vater - »nachdem er zuvor
die Tochter eines reichen Bankiers allhier entjungfert und ihren Galan, einen braven Jungen von
Stand, im Duell auf den Tod verwundet, mit sieben Andern, die er mit in sein Luderleben gezogen,
dem Arm der Justiz zu entlaufen.« - Vater! Um Gotteswillen! Vater, wie wird Euch?
D. a. Moor. Es ist genug. Laß ab, mein Sohn!
Franz. Ich schone Eurer - »Man hat ihm Steckbriefe nachgeschickt, die Beleidigten schreien laut
um Genugthuung, ein Preis ist auf seinen Kopf gesetzt - der Name Moor« - Nein! meine armen
Lippen sollen nimmermehr einen Vater ermorden! (Zerreißt den Brief.) Glaubt es nicht, Vater!
glaubt ihm keine Silbe!
D. a. Moor (weint bitterlich). Mein Name! Mein ehrlicher Name!
Franz (fällt ihm um den Hals.) Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahnete mir's nicht, da er,
noch ein Knabe, den Mädels so nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf
Wiesen und Wegen sich herumhetzte, den Anblick der Kirche, wie ein Missethäter das Gefängniß, floh
und die Pfennige, die er Euch abquälte, dem ersten dem besten Bettler in den Hut warf, während daß
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