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Masurenblut.

 

Neue Folge.

 

Novellen von Fritz Skowronnek.

 

 

 

 

 

 

 

Berlin W. 57.

Rich. Eckstein Nachf.

H. Krüger.

 

Die rote Stefka.

 

Sie hatten es alle nicht glauben wollen, dass der reiche Samel Korpis die arme Stefka Jezorek, die bei ihm zum Scharwerk ging, heiraten würde. Erst als das Aufgebot des Paares beim Schulzen im Kasten hing, war an der Tatsache nicht mehr zu zweifeln. Nun wussten alle alten Weiber im Dorfe, dass sie das Ereignis schon lange vorausgesagt hatten. Die Stefka war aber auch zu klug; sie wusste sehr genau, wie schön sie war. Das hatten ihr ja alle Burschen des Dorfes nicht einmal, sondern hundertmal gesagt, und sie warf sich nicht weg. Keiner von all den jungen Leuten, die hinter ihr herliefen, konnte sich rühmen, dass sie ihm auch nur die geringste Gunst geschenkt hätte. Wohl ein jeder hatte einmal an ihr Kammerfenster geklopft, aber keinem hatte es sich geöffnet.

Eine Zeitlang hatten die Weiber davon gemunkelt, dass sie dem Fedor Adamek, der mit ihr noch verwandt war, blanke Augen gemacht habe. Wenn das wirklich der Fall gewesen war, dann hatte es in dem Augenblick aufgehört, als der Samel von den Soldaten nach Hause kam. In voller Uniform war er gekommen, als Oberjäger von den Gardeschützen. Da hatten ihn die anderen Bauernsöhne von der Bahn abgeholt und gleich an demselben Abend ein Tanzvergnügen in dem Dorfkrug veranstaltet. Von den Scharwerkmargellen war keine einzige dazu eingeladen worden, bloss die Stefka; die durfte bei keinem Vergnügen fehlen.

Damals sah sie der Samel zum erstenmal; denn als er vor drei Jahren nach Berlin wegfuhr, war sie noch ein mageres Margellchen gewesen, das jeder für hässlich hielt. Aber wie hatte sie sich in den drei Jahren herausgemacht! Die reichen, rotblonden Haare trug sie in zwei langen Zöpfen, die ihr bis über die Schürzenbänder hinabhingen, dazu ein Gesicht wie Milch und Blut und ein Paar dunkle Augen, die wie Kohlen glühten.

Kein Wunder, dass der Samel sie den ganzen Abend nicht von der Hand liess und nur mit ihr tanzte.

Die alten Weiber, die draussen am Fenster standen und zusahen, meinten, sie hätten noch kein schöneres Paar gesehen; aber es wäre schade um die Stefka, wenn ihr der Samel den Kopf verdrehen sollte.

Es war umgekehrt gekommen. Sie hatte ihm den Kopf verdreht. Als sie am nächsten Tage zum Scharwerk gekommen war, hatte er ihr die leichteste Arbeit zugewiesen und sie auf die Tenne geschickt, um einen Haufen Roggen umzustechen. Dann war er ihr nachgeschlichen und hatte versucht, sie in den Arm zu nehmen und abzuküssen.

Aber damit kam er schon an. Die alte Jerlitzka wusste das ganz genau, denn sie war nachgeschlichen und hatte durch die Türritze geguckt.

„Mit einem Satze war die Stefka an der Tür“, so erzählte die Alte, „und hatte die Klinke in der Hand. Da fing der Samel an, schön zu bitten, sie möchte sich doch vor ihm nicht fürchten, er sei ein anständiger Mensch, und wenn sie ihm nur ein wenig gut sein könnte, dann wisse er, was er tun werde. Darauf hatte die Stefka die Klinke losgelassen und mit einem schelmischen Blick gefragt, was das denn wäre? „Na, ich will Dich heiraten, dumme Margell“, hatte der Samel gesagt.

Weiter konnte die Jerlitzka leider nichts erzählen; denn die alte Frau Korpis war auf den Hof gekommen und hatte nach ihr gerufen.

Vielleicht wäre die ganze Geschichte doch noch anders gekommen; denn der alte Bauer war ein hochmütiger Mann und hatte seinem Erbsohn schon ein reiches Mädchen aus der Verwandtschaft zur Braut ausgesucht. Aber eines Nachts hatte er sich in Selliggen, auf der anderen Seite des Sees, etwas zu satt getrunken und war auf dem Heimweg in eine Fischerwuhne geraten. Mit grosser Mühe hatte sich der alte Mann herausgekrabbelt und nach Hause geschleppt. Doch das kalte Bad hatte ihm den Tod gegeben. Zwar hatte er gleich zwei Schuss Pulver in Schnaps eingenommen und sich einmal von Kopf bis zu Fuss mit Petroleum einreiben lassen, aber das half alles nichts, in acht Tagen war er tot und begraben.

Jetzt war Samel Herr auf dem Hofe und konnte tun und lassen, was er wollte. Das Trauerjahr hindurch hatte ihm noch die Mutter die Wirtschaft geführt, dann zog sie in die kleine Chalupp ins Altenteil. An demselben Tage hatte Samel das Aufgebot bei dem Pfarrer und dem Standesbeamten bestellt.

Und heute war die Hochzeit.

Schon lange Zeit vorher hatte der alte Schmiegel, der noch die Sprüche kannte, mit denen der Drusba die Gäste einlädt, ein kleines Pferd eingeübt, auf dem er in die Stuben reiten musste, um seinen Vers aufzusagen. Dann war er drei Tage lang umhergeritten, um zur Hochzeit zu bitten, aber nur vormittags. Am Nachmittag musste er sich irgendwo in die Scheune legen und ausschlafen; denn er war ein alter Mann und konnte die vielen Schnäpse nicht vertragen, die von den Eingeladenen spendiert wurden.

Es war die grossartigste Hochzeit, die seit langer Zeit im Dorfe gefeiert worden war. Aus der Stadt hatte der Samel sechs Musikanten kommen lassen; die mussten schon am Vormittag zu blasen anfangen, als das junge Paar zum Standesbeamten fuhr. Der Bräutigam hatte sich einen neuen schwarzen Anzug machen lassen, den Rock mit ausgeschnittenen Ecken, wie ihn die Herren in der Stadt trugen. Die Braut hatte ein weisses Seidenkleid an, das ihr vom Bräutigam geschenkt worden war, und der weisse Schleier reichte ihr vom Kopf bis zu den Füssen. Auch einen neuen Tafelwagen hatte der Bauer zur Hochzeit angeschafft und ein Paar forsche Rappen vorgespannt, so dass die Bauernsöhne, die zur Seite ritten und aus ihren Pistolen schossen, kaum mitkommen konnten.

Noch wochenlang hatten die Frauen in der Nachbarschaft von der Hochzeit gesprochen. Den Samel musste das Vergnügen ein schönes Stück Geld gekostet haben. Aber er hatte es ja dazu. Alle kleinen Leute aus dem Dorfe, die nicht als Gäste geladen waren, die kleinen Eigenkatner und die Tagelöhner, hatten an einer langen Tafel auf dem Hofe zu essen bekommen, und jede Frau konnte noch im Paartopf für ihre Kinder Essen mit nach Hause nehmen. Sogar die alten Spinnfrauen im Armenhaus hatte Stefka nicht vergessen, sie selbst hatte ihnen ein grosses Stück gebratenes Fleisch und einen Fladen gebracht. Und Samel hatte ausserdem durch einen Knecht ein ganzes Lechel voll Honigschnaps hingeschickt.

Noch von etwas anderem wurde gesprochen. Die junge Frau hatte auch den Fedor Adamek zur Hochzeit bitten lassen. Dem Bräutigam war das nicht recht gewesen, aber er konnte nichts dagegen sagen, denn der Fedor war der einzige Verwandte seiner Braut, und die Leute hätten ihr Maul darüber aufgerissen, wenn er nicht eingeladen worden wäre. Und Fedor war wirklich gekommen. Er hatte sich still in eine Ecke gesetzt, als wenn ihn die ganze Lustbarkeit nichts anginge. Die einen meinten, es wäre ihm peinlich gewesen, unter den reichen Verwandten des Korpis in seinem dunklen Wandrock zu sitzen. Die anderen sagten, er wäre bloss traurig gewesen, denn er hätte die Stefka von klein auf lieb gehabt und immer gehofft, dass sie ihn nehmen würde.

Vielleicht hatten die Leute damit nicht so ganz unrecht. Denn als Stefkas Vater gestorben war, da hatte Fedor sie mit ihrer Mutter in seine kleine Chalupp aufgenommen und für sie gesorgt, als wenn er nicht der Sohn einer Halbschwester, sondern der richtige Sohn der Frau Jezorek gewesen wäre. Er hatte ja auch nicht viel übrig; denn sein Vater lag schon seit Jahren, an Händen und Füssen gelähmt, auf dem Krankenbett und musste gewartet werden wie ein kleines Kind.

Da ging nun Fedor tagsüber an die Bahn zur Arbeit, wo er vom Morgen bis zum Abend mit Kiesstopfen vierzehn Dittchen verdiente, und bis in die Nacht hinein sass er an der Schnitzbank und schnitzte Holzpantoffeln und Malanis, die grossen Holzschuhe für die Tagelöhner. Viel konnte er damit nicht verdienen, aber es war doch besser als gar nichts.

Wer weiss, was für Gedanken ihm durch den Kopf gingen, als der junge Ehemann gegen Mitternacht seinen Rundgang machte, um mit jedem der Gäste anzustossen, und auch zu ihm kam. Da hatte er zuerst so getan, als wenn er es nicht merkte, dass der Samel ihm das Glas hinhielt. Erst als dieser ärgerlich sagte, er könne auch nach Hause gehen, wenn es ihm hier nicht passe, hatte er mit ihm angestossen, aber gleich darauf sein Glas so heftig hingesetzt, dass ihm die Scherben in der Hand blieben.

Die Frauen, die in der Nähe sassen, hatten schnell mit dem Daumen an die Tischkante gestossen und dreimal ausgespuckt; denn die Scherben bedeuteten Unglück für die junge Ehe, und alles hatte sich gewundert, dass der Samel so ruhig, ohne ein Wort zu sagen, weiterging. Aber als der jungen Frau die Fladrusch, die grosse Haube, aufgesetzt werden sollte, und sie noch einmal mit allen jungen Leuten tanzen musste, da hatte der Ehemann ihr verboten, den Fedor aufzufordern.

Vielleicht wäre es noch zu einem Streit zwischen den jungen Eheleuten gekommen, wenn nicht der Drusba den Samel wieder beruhigt und ihm vorgestellt hätte, dass der Fedor doch der einzige Verwandte seiner Frau sei und es böses Gerede geben müsste, wenn sie ihn auslassen würde. Aber Samel hatte vor Wut gezittert und mit den Zähnen geknirscht, als der Fedor nach dem Tanze der jungen Frau den Schleier aufhob und ihr einen Kuss gab, wie es sein gutes Recht war. Dann war Fedor zu den Musikanten getreten, hatte ihnen einen harten Taler aufgeworfen und war, ohne sich umzusehen, aus der Tür und nach Hause gegangen.

In dem Trubel der Hochzeit hatten nur wenige etwas von dem Vorfall bemerkt, aber die Sache hatte sich herumgesprochen, und niemand für Fedor Partei. Alle meinten, er sei ein Narr, wenn er sich eingebildet hätte, die Stefka würde ihn heiraten, ihn, den armen Schlucker, während sie doch den reichsten Bauern des Dorfes kriegen konnte. Was er für sie und ihre Mutter getan habe, das konnte ja ihr Mann bis auf den letzten Pfennig abzahlen.

Der Samel musste wohl von dem Gerede gehört haben. Oder war es ihm selbst eingefallen? Eines Sonntags vormittags steckte er sich ein Stück Geld ein und ging in die Chalupp zum Fedor.

Im ersten Augenblick wusste dieser gar nicht, was er sagen sollte, als der Bauer zu ihm in die Stube trat. Er war gerade beim Reinmachen; denn er hatte vom frühen Morgen schon an der Schnitzbank gesessen. Er musste jetzt sehr fleissig sein; sein alter Vater war bereits so schwach, dass es jeden Tag mit ihm zu Ende gehen konnte. Und zu den Kosten des Begräbnisses fehlte noch manche Mark, wenn er den Vater nicht wie einen Bettler unter die Erde bringen lassen wollte.

Samel Korpis hatte beim Eintritt „Gottes Segen“ gewünscht und sich schweigend auf den Stuhl gesetzt, der ihm von Fedor hingeschoben worden war. Ihm war recht unbehaglich zumute. Er war zwar sonst nicht auf den Mund gefallen, aber diesmal wusste er doch nicht, wie er anfangen sollte. Verlegen sah er sich in der kleinen Stube um und blickte zu dem Alten hinüber, der schweratmend und gänzlich teilnahmslos im Bette lag. Wie oft hatte er als Junge dem Alten bei seiner Arbeit zugesehen, wenn er sich bei ihm ein Paar neue Holzpantoffeln bestellte. Wie ordentlich es in dem Stübchen aussah, als wenn nicht ein Junggeselle, sondern eine tüchtige Frau die Wirtschaft führte! Unwillkürlich musste er daran denken, dass seine Frau als Kind in diesem Raume gespielt und gearbeitet hatte.

Inzwischen hatte Fedor die Schnitzspähne in die Ecke gekehrt. Jetzt holte er aus dem Spind eine Flasche mit Schnaps hervor und stellte sie auf den Tisch. Er konnte sich zwar gar nicht denken, was der Samel von ihm wollte, aber jetzt war er sein Gast und sass unter seinem Dach. Bedächtig goss er ein Glas ein und trank ihm zu.

„Was bringst Du Gutes, Samel? Wie geht’s Dir?“

„Dank für die Nachfrage, Fedor; ich komme, um bei Dir unsere Schulden abzuzahlen.“

„Schulden? Ihr bei mir? Davon weiss ich nichts.“

„Du hast doch meiner Frau und ihrer Mutter Wohnung gegeben und ab und zu auch bares Geld — wieviel, das weiss ich ja nicht, aber Du wirst es Dir ja gemerkt haben.“

Fedor stieg das Blut zu Kopfe; nun wusste er, weshalb der Bauer zu ihm gekommen war. Er wollte ihn mit Geld ablohnen, damit er nicht sagen könnte, die Stefka und ihre Mutter seien ihm nicht nur Dank, sondern auch Geld schuldig. Er wusste auch, was Samel damit bezweckte. Dieser wollte ihn nur ärgern und demütigen.

Mit Mühe bezwang er seine Aufregung und erwiderte: „Was ich aus gutem Herzen für meine armen Verwandten getan habe, das lasse ich mir nicht bezahlen. Und Du bist mir gar nichts schuldig, von Dir nehme ich kein Geld.“

„Na, da nimmst Du es von meiner Frau.“

„Schickt Dich Stefka?“

„Ja, sie will Dir nichts schuldig sein.“

Fedor zuckte zusammen, als hätte ihn ein Hieb getroffen. Ein gallenbitteres Gefühl stieg in ihm auf. Er musste unwillkürlich zurückdenken an die Zeit, die noch gar nicht so weit hinter ihm lag, als Stefka mit ihrer Mutter in der zweiten Stube seiner Chalupp wohnte. Nach Feierabend waren die beiden regelmässig herübergekommen, um das Licht zu sparen. Stefka hatte genäht, die Mutter gestrickt und er mit ihnen beim Schnitzen geplaudert. Wie oft hatte sein Vater gesagt, er solle doch mit Stefka Hochzeit machen. Aber Fedor war ein Narr gewesen, und hatte gemeint, sie sei noch zu jung, er könne auch noch ein paar Jahre warten. Jetzt bekam er den Lohn für alles Gute, das er an ihr getan hatte. Eigentlich brauchte er sich darüber nicht zu wundern, dass sie ihm das Geld schickte. Wenn man so herzlos ist und beim Freien nur nach dem Geldsack sieht — aber vielleicht hatte sie Samel auch wirklich lieb? Er war doch ein ansehnlicher junger Mann, ein flotter Kerl.

„Na, nimmst Du nun das Geld oder nicht?“

Der Ton, mit dem der Bauer das sagte, klang ärgerlich und gereizt.

Wie aus einem Traume war Fedor aufgewacht, aber er war ruhig geworden, ganz ruhig. Nur die Gedanken liefen ihm blitzschnell durch den Kopf: Wenn er das Geld nicht nahm, ärgerte sich der Bauer. Aber weshalb sollte er das Geld zurückweisen? Bloss um sagen zu können: Die reichen Leute da drüben in dem grossen Hause sind mir Dank schuldig? Und noch ein Gedanke flog ihm durch das Hirn, als er gleichmütig erwiderte:

„Gewiss, ich nehme das Geld, es ist ja nicht geschenkt.“

„Na, wieviel rechnest Du denn?“

Fedor nannte eine ziemlich hohe Summe, die der andere, ohne ein Wort zu verlieren, auf den Tisch zählte.

„Erklärst Du Dich nun für befriedigt?“

„Ja, Samel, ich hätte ja nie etwas von Dir oder Deiner Frau gefordert, aber es ist gut, dass Du mir das Geld gebracht hast; ich werde es aufheben, wenn Du oder Stefka es mal brauchen solltet.“

„Wie meinst Du das?“

„Na, ich meine, man kann nie wissen, wie es noch im Leben kommt. Auch reiche Menschen werden manchmal arm.“

Der Bauer lachte höhnisch auf: „Darauf kannst Du bei mir lange warten, ich habe Geld auf Leuten.“

„Das weiss ich, Samel, aber Geld ist bald verbraucht, wenn man sich nicht um die Wirtschaft kümmert, sondern auf Jagden umherfährt.“

„Was geht Dich das an?“

„Nichts, gar nichts, das ist nur Deine Sache! Aber es kann einem, der sogar des Nachts in der Königlichen Forst wilddieben geht, mal auch was zustossen.“

Der Bauer wechselte plötzlich die Farbe. Er hatte geglaubt, dass niemand davon auch nur eine Ahnung hätte, und jetzt sagte es ihm sein Gegner ins Gesicht. Vielleicht aber wollte dieser bloss auf den Busch klopfen. So ruhig, wie es ihm möglich war, erwiderte er achselzuckend:

„Du glaubst doch nicht, dass ich ein Wilddieb bin?“

„Ich glaube es nicht nur, ich weiss es. Ich habe Dich ja gesehen, wie ich in der Nacht zum Sonntag mir ein Stück Ellernholz aus dem Schwarzen Bruch holte.“

„Wer weiss, wen Du gesehen hast!“

„Dich habe ich gesehen! Du hattest zwar einen grossen Bart vorgebunden und einen Anzug an wie ein Filippone; aber ich will es vor Gericht beschwören, dass Du es warst.“

Er hatte dem Bauern bei diesen Worten fest ins Auge gesehen und wohl gemerkt, wie ihm das Blut zu Kopfe stieg. Also war es wirklich wahr, was er nur vermutet hatte! Der reiche Bauer Samel Korpis war Wilddieb, natürlich nicht aus Gewinnsucht, sondern nur aus Leidenschaft.

Einen Augenblick messen die beiden Männer einander mit den Blicken. Beide fühlten, dass in diesem Moment eine böse Feindschaft zwischen ihnen aufgelodert war, die Feindschaft zweier Männer, die ein und dasselbe Weib begehrt hatten. Und der Unterlegene wollte jetzt an dem Sieger Rache nehmen.

So weit gingen Fedors Gedanken noch nicht. Er wollte an seinem Gegner nur Vergeltung üben für die Kränkung, die dieser ihm soeben zugefügt hatte, Samel aber hörte aus Fedors Worten schon die Drohung heraus, und das raubte ihm die kühle Überlegung.

„Du möchtest mich wohl anzeigen?“

„Weshalb denn?“

„Weshalb? Meinst Du, ich weiss es nicht? Weil ich die Stefka genommen habe.“

Fedor zuckte die Achseln. Ein geringschätziger Zug legte sich um seinen Mund: „Wegen der dummen Margell? Was geht mich die an? Wäre sie mir wirklich gut gewesen, dann hätte sie Dich trotz Deines Geldes nicht genommen. Brauchst keine Angst zu haben, ich will Dir Deine Frau nicht abspenstig machen.“

Ohne ein Wort zu erwidern, war Samel gegangen. Er ärgerte sich darüber, dass er Fedor aufgesucht hatte. Vielleicht aber war es doch gut, dass er wusste, woran er mit ihm war. Wenn der Kerl nicht das Maul hielt? — Ach was! Dazu war er viel zu gutmütig und dachte wohl gar nicht daran, ihn anzuzeigen. Die Menschen würden dem Angeber auch nicht glauben, sie würden sagen, es sei nur Rache.

Einige Wochen später war der alte Adamek gestorben. Fedor hatte das Gewerk aus der Stadt bestellt und einen schwarzpolierten Sarg gekauft. Am Sonntag Nachmittag sollte die Beerdigung stattfinden. Das ganze Dorf nahm daran teil. Sie hatten den Verstorbenen alle gern gehabt; denn er war ein lustiger guter Mensch gewesen, der mit jedem Nachbar in Frieden gelebt hatte. Auch Frau Korpis rüstete sich zum Begräbnis.

Sie hatte sich gerade die Kapuze aufgesetzt, als ihr Mann vom Hofe in die Stube kam. In rauhem Tone fuhr er sie an: „Du willst doch nicht mit der Leiche gehen?“

„Aber ja, weshalb sollte ich nicht? Es ist doch mein Onkel!“

„Ich möchte aber nicht, dass Du gehst.“

„Sei doch nicht komisch, Samel. Was sollten die Leute sagen, wenn ich meinem Verwandten nicht die letzte Ehre erwiese!“

„Lass die Leute reden, was sie wollen. Ich will nicht, dass Du gehst!“

Die junge Frau sah ihn mit grossen Augen an: „Das lasse ich mir nicht von Dir verbieten, ich wüsste auch nicht, warum. Oder bist Du noch immer auf den Fedor eifersüchtig?“

„Ach, Unsinn. Was Du Dir einredest. Es passt mir nicht, dass Du zu dem kleinen Eigentümer aufs Begräbnis gehst.“

„So? Meinst Du? Aber es passte Dir doch Deine Frau aus derselben Chalupp zu holen.“

Damit nahm Stefka ihr grosses Umschlagetuch und ging.

Im ersten Augenblick dachte der Bauer daran, sich noch schnell anzuziehen und ebenfalls zum Begräbnis zu gehen. Wie konnte er nur so dumm sein und nicht vorher daran denken! Nach dem Begräbnis wurde doch seine Frau mit dem Fedor zusammen von dem Kirchhof gehen. Wenn sie dann mit einander zu sprechen anfingen — Ach was! Und wenn die Frau das schon erfuhr, dann konnte sie ihm doch nur dankbar sein, dass er ihre Schulden bezahlt hatte.

Der Lehrer hatte ein kurzes Gebet gesprochen. Jung und alt war an das Grab getreten und hatte dem Verstorbenen drei Hände voll Erde mitgegeben. Dann hatten die Nachbarn Fedor mit einem Trostwort die Hand geschüttelt Zuletzt, als das Grab schon zugeschaufelt war und die anderen sich zum Gehen wandten, kam auch Stefka zu ihm heran.

„Sei nicht so verzagt, Fedor, und gönne dem alten Mann die Ruhe; er war doch nur sich selbst und auch Dir zur Last“

Fedor nickte gleichmütig. Der Schmerz, den er empfand, war nicht sehr gross; nur das Gefühl des Alleinseins hatte ihn gepackt. Wenn er abends nach Hause gekommen war und das alte Weib weggeschickt hatte, das den Tag über den Vater bediente, dann hatte er doch einen Menschen gehabt, mit dem er über all die kleinen Sorgen des täglichen Lebens sprechen konnte. Jetzt stand er ganz allein da in der weiten Welt Er hätte es vermeiden können. Sein Blick fiel auf das junge, blühende Weib, das vor ihm stand, und glühend heiss stieg es ihm in der Brust empor.

Die hätte jetzt an seiner Seite stehen können. Er wandte sich ab und schritt langsam davon. Aber Stefka blieb neben ihm. Sie hatte das Gefühl, als müsste sie ihm ein freundliches Wort sagen, ihm danken für all das Gute, das er ihr und ihrer Mutter erwiesen. Und sie sprach es aus, wie sie dachte, kurz und schlicht, aber warm. Ein wenig schlug ihr das Herz dabei; denn sie hätte es schon lange tun müssen.

Fedor hatte nur mit halbem Ohr auf ihre Worte hingehört. Ihn regte es auf, dass Stefka an seiner Seite blieb. Weshalb war sie überhaupt zum Begräbnis gekommen? Doch nur, um das Gerede der Leute zu vermeiden, trat sie hier als Verwandte auf. Mit einem Ruck blieb er jetzt stehen und drehte sich nach ihr um.

„Spar Deine Worte, Frau Korpis, Du bist mir nichts schuldig, weder Dank noch Geld. Du hast ja mich auslohnen lassen.“

„Fedor, was sagst Du? Ich hätte Dich auslohnen lassen?“

„Tu doch nicht so, als wenn Du das nicht wüsstest.“

„Bei Gott, Fedor, ich weiss nichts davon!“

Er sah die junge Frau von der Seite an; die Tränen standen ihr in den Augen. Nein, sie hatte nicht gelogen, es war ja auch nicht ihre Art, die Unwahrheit zu sprechen. Dann hatte also ihr Mann diese Nichtswürdigkeit begangen und ihren Namen missbraucht, um ihn, Fedor, zu kränken.

Die junge Frau an seiner Seite wunderte sich, dass er ihr keine Antwort gab. Sie griff nach seiner Hand.

„Sag mal, Fedor, weshalb bist Du so böse auf mich? Ich habe Dir doch wirklich nichts getan.”

„Nein, Stefka, Du nicht.”

„Wer denn? Etwa mein Mann? Das musst Du mir sagen, ich bitte Dich; das muss ich wissen.“

„Ach, lass doch, Stefka; ich bin froh, dass ich von Dir nicht schlecht zu denken brauche.“

„Nein, ich lass Dich nicht eher von mir, als bis Du mir sagst, war vorgefallen ist. Was hat mein Mann Dir getan?“

„Was soll er mir getan haben? Er kam zu mir und gab mir Geld für die Wohnung, die ihr bei mir gehabt habt, und für das bischen bare Auslagen.“

„Du hast doch gesagt, ich hätte Dich ausgelohnt? Jetzt weiss ich alles. Mein Mann hat Dir vorgelogen, ich hätte ihn geschickt“

Sie musste das Taschentuch hervorholen, um die Tränen zu trocknen, die unaufhaltsam hervorquollen.

„Na, was ist denn da Grosses dabei?“

„Meinst Du? Er macht mich vor meinem Verwandten schlecht, und dazu soll ich still sein? Nein, Fedor, wie er mich hier belügt, so hintergeht er mich auch anderswo. Das habe ich schon gemerkt. Drum danke ich Dir, dass Du mir die Augen geöffnet hast. Jetzt weiss ich auch, weshalb ich nicht zum Begräbnis gehen sollte.”

Sie blieb stehen und reichte ihm die Hand. „Bist nicht mehr böse auf mich, Fedor?“

„Nein, Stefka, ich habe Deinem Manne gleich nicht recht geglaubt, dass Du so schlecht sein könntest.“

Langsam, in tiefen Gedanken, ging er nach Hause. Br musste erst noch die Holzschläger traktieren, die das Grab ausgeworfen und zugeschaufelt hatten, und mit der Mrotzkowa, die den Vater gepflegt hatte, wollte er sprechen, dass sie zu ihm ziehe und ihm das Essen koche.

Einsilbig sass er zwischen den Männern am Tische, die der Flasche eifrig zusprachen. Es war schon Abend, als sie fortgingen. Eine Weile sass er noch allein in der Stube, die ihm heute so leer vorkam; dann nahm er seine Mütze vom Nagel und ging hinüber in den Krug.

An der Tonbank stand ein Knecht des Samel Korpis. Er musste auch eben erst gekommen sein; denn das Glas Bier, das er sich hatte geben lassen, stand noch unberührt vor ihm. Er hatte wohl gerade der Frau etwas Lustiges erzählt. Fedor hörte noch, wie sie mit rauhem Lachen erwiderte: „Es wird wohl nicht das erste Mal gewesen sein und wird auch nicht das letzte Mal bleiben.“

Der Knecht nickte bestätigend; „Aber heute ging es scharf her, und, wie die Trine sagt, hat die Frau angefangen. Gleich, wie sie vom Begräbnis kam, nahm sie den Bauern vor. Wir haben alle nicht gedacht, dass sie so heftig sein kann; denn sie ist sonst von Herzen gut und steckt uns manches zu, wovon der Mann nichts weiss. Aber heute! Na, ich danke schön! Wie einen dummen Jungen hat sie ihn ausgeschimpft.“

„Wofür denn?“

„I, der Deuvel weiss! Dass er Dir, Fedor, Geld gegeben und dabei gelogen hätte, auch dass er manchmal des Abends spät in einem kleinen Einspänner wegfährt. Wir haben dazu gelacht. Denkt Euch, die Frau weiss wirklich nicht, wohin der Mann fährt!“

„Na, was weisst Du denn davon?“ fuhr ihn Fedor an.

Der Knecht lachte laut auf: „Ich bin doch nicht von heute oder gestern, sondern schon zehn Jahre auf dem Hofe; da merkt man doch, was los ist.“

„Dann reisst man nicht das Maul über die Herrschaft auf und trägt es im ganzen Dorfe herum!“

„Was ich nicht erzähle, erzählt ein anderer. Im ganzen Dorfe klingerts ja schon, dass es heute bei uns Schacht gegeben hat.“

„Was sagst Du, der Samel hat seine Frau geschlagen?“

„Na gewiss, Dass soll ja die Liebe auffrischen.“

Fedor musste sich zusammennehmen, um nicht vor Wut aufzuschreien. Das Weib, das er wie einen Augapfel gehütet und auf seinen Händen getragen hätte, das hatte der Bauer geprügelt! Er stand auf, bezahlte den Schnaps, den die Wirtin ihm eingegossen hatte, und ging hinaus. In ihm wogten und stürmten die Gedanken. Wie er die Stefka kannte, würde sie sich das nicht gefallen lassen.

Und dann? Und dann?

Auf einem grossen Umweg ging er nach Hause, Als er die Tür seiner Stube aufklinkte, stand eine Frauensperson vor ihm; sie hatte auf der Ofenbank gesessen und sich bei seinem Eintritt erhoben. Ohne zu fragen, wusste er, wer es war. Sein Herz begann ihm vor Erregung zu klopfen, dass er es bis zum Halse hinauf fühlte. Einen Augenblick standen beide einander gegenüber. Dann griff Fedor in die Tasche nach den Streichhölzern und machte Licht.

Die Frau hatte sich inzwischen auf einen Stuhl am Tische niedergelassen und das Gesicht in den Händen vergraben.

„Was willst Du hier, Stefka? Die Gäste vom Begräbnis sind schon weg.“

Im nächsten Augenblick tat es ihm leid, dass er sie so angefahren hatte; denn das junge Weib schluchzte, dass ihr ganzer Körper bebte. Sanft strich er ihr mit der Hand über die dicken Haarflechten.

„Ich weiss alles, Stefka. Euer Knecht hat es im Krug erzählt.“

Sie hob den Kopf und sah ihn mit rotgeweinten Augen an: „Dann weisst Du auch, weshalb ich hier bin.“

„Nein, das weiss ich nicht und will es auch nicht wissen! Du gehörst nach Hause zu Deinem Mann!“

„Fedor!“

„Ja, das sage ich Dir, als Dein einziger Verwandter.“

„Nein, ich bleibe nicht bei ihm. Weisst Du denn nicht, dass er mich geschlagen hat?“

„Aber Du hast angefangen mit Zanken, Du hast ihm so lange zugesetzt, bis er wütend wurde.“

„Soll ich etwa dazu den Mund halten, dass er mich belügt und betrügt? Fedor, ich habe ja keinen anderen Menschen, dem ich meine Not klagen kann, als Dich!“

„Was kann ich Dir helfen? Wie man sich bettet, so schläft man.“

Seine Stimme stockte mehrmals, als er fortfuhr: „Ein anderer hätte Dich nicht belogen und hätte Dich nicht geschlagen. Aber wenn eine arme Scharwerksmargell der Deuwel plagt, dass sie den reichsten Bauern des Dorfes heiratet, dann muss sie schon in den Kauf nehmen, was danach kommt.“

Die junge Frau war aufgestanden und hatte sich mit der Hand die letzten Tränen weggewischt.

„Du hast Recht, Fedor! Was ich mir eingebrockt habe, muss ich selbst ausessen. Bloss eins muss ich Dir sagen: Ich habe den Mann geheiratet, den ich lieb hatte. Das merke Dir, damit Du nicht auf falsche Gedanken kommst. Gute Nacht!“

Ohne ihm die Hand zu reichen, war sie aus der Tür gegangen. Wie ein dummer Junge, der eben Prügel bekommen hat, stand Fedor da. Er hätte sich selbst ohrfeigen mögen. Anstatt der armen Frau, die in der Not zu ihm gelaufen kam, Trost zuzusprechen, hatte er sie ausgescholten. Aber welches Recht hatte er, sich zwischen die Eheleute zu stecken?

Lange sass er auf dem Platze, wo eben noch die junge Frau gesessen hatte und starrte in die trübe Flamme der Lampe, die immer kleiner wurde und schliesslich zuckend verlosch. Ein übelriechender Qualm füllte die Stube. Fedor stand auf und stiess die vom Alter erblindete Fensterscheibe auf, Der Mond schien draussen so klar am wolkenlosen Himmel. Wenn er nun hinausging und sich das Wipfelende der dicken Eller holte, die er neulich im Bruch umgelegt hatte? Zwei, drei Holzkorken würde das Stück noch abgeben. Schnell warf er seinen langschössigen Wandrock ab und zog den kurzen Arbeitskittel an.

Langsam schritt er durch, die dunkeln Tannen dahin. Ohne zu wissen weshalb, war eine ruhige, zufriedene Stimmung über ihn gekommen, Wenn er zu der Stefka gesagt hätte: Lass den Lorbas fahren und komm zu mir. Ich kann Dich nicht am Sonntag mit dem Tafelwagen zur Kirche schicken, aber ich werde Dich auch nicht verprügeln. Wer weiss, was sie darauf entgegnet hätte.

Ein paar Schritte weiter ärgerte er sich schon über sich selbst, dass er solche Dummheiten dachte. Was wollte er denn? Dem Bauern sein Weib abspenstig machen? Ein zweites Mal würde die Stefka nicht zu ihm kommen. Am besten würde es sein, wenn er all den dummen Gedanken ein Ende machte und sich eine Frau nahm; er konnte doch nicht jahrelang mit dem alten Weibe wirtschaften. Aber wen? In Gedanken ging er alle die jungen Mädchen durch, die für ihn in Betracht kamen.

Da war die Lowise Kroll. Sie sollte sogar etwas Geld hinter sich haben. Aber das böse Maulwerk. Nein, das war nichts. Der würde er womöglich täglich das Leder auswalken müssen, um sie still zu bekommen.

Die Trine Ditjurjeit? Zu alt und zu hässlich! Die Marie Bobrowska? Hübsch, jung, flott, manierlich. Aber, aber — ohne dass er es wusste, hatte er diese leichte Person mit einer wegwerfenden Handbewegung abgetan.

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